Die aktuellen Ausschreibungsergebnisse der Bundesnetzagentur machen ein strukturelles Problem erneut sichtbar: Windkraftprojekte im Süden Deutschlands haben im Wettbewerb um die EEG-Vergütung deutlich schlechtere Chancen als Projekte im Norden. Von bundesweit 386 bezuschlagten Anlagen entfallen lediglich neun auf Baden-Württemberg und acht auf Bayern – ein Muster, das sich seit Jahren wiederholt.
Die Ursachen liegen nicht in der Leistungsfähigkeit der süddeutschen Länder, sondern im Ausschreibungsdesign. Höhere Investitionskosten im Süden – etwa durch anspruchsvollere Topografie, komplexere Erschließung oder geringere Windgeschwindigkeiten – werden bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Dadurch geraten Projekte in Baden-Württemberg trotz schneller Genehmigungen und guter Planung ins Hintertreffen.
Baden-Württemberg hat seine Hausaufgaben gemacht: Die Genehmigungsdauer für Windkraftanlagen wurde massiv verkürzt, rund 1.800 Anlagen sind in Planung oder bereits genehmigt. Der Engpass entsteht auf Bundesebene, wo die Ausschreibungsmengen und Rahmenbedingungen festgelegt werden. Für ein wirtschaftsstarkes Industrieland wie Baden-Württemberg ist das ein Risiko. Jede Windenergieanlage, die im Süden nicht gebaut wird, erhöht den Bedarf an Stromimporten aus dem Norden – und damit den Druck auf den Netzausbau immens. Bleibt diese Schieflage bestehen, wären perspektivisch zusätzliche Großleitungen wie die Südlink-Trasse nötig, die bereits seit Jahren in Planung und Bau befindet.
Windstrom ist heute so günstig wie nie zuvor. Mit durchschnittlich 5,06 Cent pro Kilowattstunde zeigt die aktuelle Ausschreibung, dass Windenergie ein zentraler Baustein für bezahlbare Energie und Versorgungssicherheit ist. Umso wichtiger ist es, dass der Süden faire Chancen erhält.
Die Rechnung dahinter ist einfach: Von den zuletzt ausgeschriebenen 2,5 Gigawatt gingen lediglich 0,115 Gigawatt in den Süden. Hochgerechnet auf ein Ausschreibungsjahr mit rund 10 Gigawatt entspräche das etwa 0,5 Gigawatt für den Süden und 9,5 Gigawatt für den Norden. Da der Norden seinen Eigenbedarf an Windstrom durch die bestehenden Anlagen längst deckt, müssten diese zusätzlichen 9,5 Gigawatt in den Süden transportiert werden. Selbst bei nur halber Auslastung – Windräder liefern im Schnitt etwa die Hälfte ihrer Maximalleistung – entspräche das einer Übertragungsleistung von rund 4,75 Gigawatt. Zum Vergleich: Die Südlink-Trasse hat eine Kapazität von 4 Gigawatt. Das bedeutet, dass allein durch die aktuelle Schieflage in der Ausschreibung rechnerisch mehr als eine komplette Südlink-Leitung zusätzlich nötig würde.
Genau deshalb setzen sich Baden-Württemberg und Bayern seit Langem gemeinsam für ein Ausschreibungsdesign ein, das die realen Kostenstrukturen berücksichtigt und den Süden nicht länger benachteiligt. Konkret geht es darum, die Bundesnetzagentur zu einer eigenen Ausschreibung für süddeutsche Projekte zu verpflichten. Diese soll die höhere Investitionskosten angemessen abbildet und sicherzustellen, dass künftig ein fester Anteil der Ausschreibungsmenge in der Höhe von rund 20 Prozent gezielt für Projekte im Süden reserviert wird. Nur mit solchen Anpassungen kann gewährleistet werden, dass der Süden seinen Beitrag zur Energiewende leisten kann und die Energieversorgung eines Industrielandes dauerhaft gesichert bleibt.