Langanhaltende Hitzewellen, Tropennächte und plötzliche Starkregenereignisse machen deutlich: Das Klima verändert sich spürbar – auch direkt vor unserer Haustür in Süddeutschland. Diese Entwicklung belastet unsere Gesundheit, die Infrastruktur, die Wirtschaft, die Natur und die Lebensqualität von uns allen.
Hitze ist ein Systemrisiko
Wenn in den Sommermonaten die Temperaturen tagelang bei fast 40 Grad liegen und nachts keine spürbare Abkühlung zu spüren ist, dann ist das längst mehr als nur anstrengend für uns Menschen. Eine Untersuchung des Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ordnet anhaltende Hitze als Systemrisiko für Europa ein. Die Forschenden warnen, dass extreme Hitzeperioden nicht nur den menschlichen Organismus an Belastungsgrenzen bringen, sondern auch Wasserressourcen, Transportwege und Energieversorgungsnetze gefährden. (Quelle)
Hitze belastet nicht nur unseren Körper, sondern sie ist auch eine Gesundheitsgefahr. Laut Daten des Forschungsinstituts ISGlobal und des European Climate and Health Observatory gab es sowohl 2022 als auch 2024 jeweils weit über 60 000 hitzebedingte Todesfälle in Europa. In den drei Sommern 2022, 2023 und 2024 schätzen Forschende die Anzahl der Hitzetode in Europa auf über 181 000. (Quelle)
Gleichzeitig erleben wir in Süddeutschland durch die Klimakrise neben den Hitzeperioden auch abrupte Unwetter mit Hagel und Sturzfluten. Erst diesen Monat waren in Reutlingen Großeinsätze aufgrund eines Gewitters. Extreme Trockenheit und plötzlicher Starkregen beansprucht nicht nur unsere Landwirtschaft, sondern auch unsere Städte. Sie treffen dicht bebaute, versiegelte Stadtteile besonders hart. Klimaanpassung sind dadurch nicht nur längst überfällig, sondern auch eine zentrale Frage der sozialen Gerechtigkeit. Denn wer im schlecht gedämmten Dachgeschoss wohnt oder im Freien arbeitet, leidet unter Hitze und Unwetterereignissen deutlich stärker. (mehr zu Reutlingen)
Gesetzlicher Rahmen für kommunalen Schutz
Um Städte und Gemeinden gegen diese Risiken widerstandsfähiger zu machen, hat das Land Baden-Württemberg mit der Novellierung des Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsgesetzes (KlimaG BW) gehandelt. Die Erstellung von Klimaanpassungskonzepten wurde darin für Stadt- und Landkreise sowie Große Kreisstädte als verpflichtende Aufgabe verankert.
Das Land unterstützt Städte und Kreise mit gezielten Förderprogrammen (wie z.B. KLIMOPASS) dabei, von einer reaktiven Schadensbeseitigung zu einer vorausschauenden Vorsorge zu gelangen. Dazu gehören zum Beispiel der Schutz vor urbanen Hitzeinseln sowie Maßnahmen gegen Starkregen und Hochwasser.
Klimaanpassungskonzept in Nürtingen verabschiedet
Wie diese Weichenstellungen in konkretes Handeln übersetzt werden, zeigt sich auch hier in Nürtingen und im Landkreis Esslingen. Hier haben wir vor wenigen Wochen unser umfassendes Klimaanpassungskonzept verabschiedet. Ein zentraler Baustein ist das Prinzip der „Schwammstadt“: Regenwasser soll im Boden gespeichert werden, um Überlastungen der Kanalisation zu verhindern und das Wasser in Hitzeperioden über Pflanzen und Bäume zur natürlichen Kühlung verdunsten zu lassen.
Erst letzten Monat gab es eine Mitmach-Aktion „Klimabäume“ hier in Nürtingen: Über eine städtische Plattform konnten Bürger*innnen auf einer interaktiven Karte eintragen, wo sie sich im Stadtgebiet ihre „Klimabäume“ wünschen und mehr Schatten, Hitzeschutz und Grün wünschen. Auf Basis der Eingaben prüft das Tiefbauamt nun die Standorte. Ab dem Herbst könnten die ersten von rund 30 neuen Stadtbäumen gepflanzt werden– gefördert mit Bundesmitteln aus dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz. Eingesetzt werden Arten wie der Feldahorn oder der Schnurbaum, die Hitze gut vertragen und wenig Allergiepotenzial bergen. Die neuen Bäume sollen die Mikroklimatemperatur im dicht bebauten Innenstadtbereich senken, spenden Schatten, binden CO₂ und erhöhen die Aufenthaltsqualität im Alltag spürbar. (Quelle)
Die wissenschaftlichen Fakten des KIT und der Umweltagenturen machen deutlich, dass Hitze- und Unwettervorsorge keine Nischenthemen sind, sondern Grundpfeiler der kommunalen Daseinsvorsorge. Extremwetter trifft uns alle.
Es gilt daher, ideologische Debatten hinter uns zu lassen und auf allen Ebenen pragmatisch zusammenzuarbeiten, um unsere Städte und Dörfer Schritt für Schritt klimaresilient, kühler und lebenswerter zu gestalten.